Etwas geht zu Ende…

Ich bin in der Mitte meines Lebens. Mutter eine Kleinkinds, geschiedene Ehefrau, berufstätig und im Alltagstrott gefangen. Die Geburt meiner Tochter hat mein Leben verändert. Nicht himmelhochjauchzend, sondern viel mehr komplett auf den Kopf gestellt. Da war plötzlich eine nie dagewesene Verantwortung. Nicht nur für mich, nein, für einen Menschen, der noch nicht für sich alleine Entscheidungen treffen kann. Diese Verantwortung, sie hat mir die Leichtigkeit genommen. Sie hat mich gelehrt, bei jedem Schritt die Tragweite meiner Handlung, die Auswirkung auf unser Leben, zu durchdenken. Oft lähmt sie mich. Hält mich davon ab, Dinge zu verändern. Lässt mich Wanken und treibt mich in unruhiges Fahrwasser.

Das war nicht immer so. Zunächst dachte ich, das Leben ginge auch mit Kind einfach so weiter. Ich plante schon vor der Geburt schnell in den Job zurückzukehren. Für mich gab es damals keine denkbare Alternative. Heute sehe ich mich im Rückblick von zu Hause arbeitend. Mein Baby, der Störfaktor. Ich hatte keinen Blick dafür, was wirklich wichtig war. Wie sehr mein Kind mich und meine volle Aufmerksamkeit gebraucht hätte. Stattdessen erhöhte ich meine Arbeitsstunden, wollte dadurch zu der Leistungsfähigkeit von damals zurückgelangen. Doch es hat mich überfordert. Tag für Tag kämpfte ich darum, Baby, Beruf, Haushalt und Familienleben unter einen Hut zu bringen. Es gelang mir. Tag für Tag, Woche für Woche. Doch es wuchs meine Überforderung. In erster Linie wenn es um die Belange meiner Tochter ging. Als erstes zerbrach daran meine Ehe. Ich trennte mich, weil ich mich allein fühlte. Für alles verantwortlich. Wir Mädchen zogen Hals über Kopf aus. Der erste Schritt um beieinander anzukommen.

Drei Jahre später stelle ich fest, dass es uns gelungen ist. Ich habe mich eingefunden ins Mutter sein. Stelle die Bedürfnisse meines Kindes und unseres Familienlebens in den Vordergrund. Und habe erreicht, dass ich mich mit meiner Tochter wohl fühle. Gemeinsame Zeit in einem nie dagewesenen Maße genießen kann. Dass es mir am besten geht, wenn wir zwei zusammen sind.

Doch auch auf anderer Ebene haben wir viel erreicht. Ein liebevolles, vertrautes und enges Verhältnis mit dem Vater, mit dem ich zusammen immer wieder ein Augenmerk auf das Wohl unserer gemeinsamen Tochter legen kann. Denn das ist, was zählt nach der Trennung der Eltern. Viel zu oft werden Kinder Spielball, fühlen sich zerrissen zwischen Mama und Papa. Es war ein weiter Weg bis dort, aber heute überwiegt der Stolz, diesen so eingeschlagen zu haben. 

Bei aller positiver Entwicklungen gibt es auch Schattenseiten. Der einst so wichtige Lebensmittelpunkt, den ich in der Arbeit fand, hat an Bedeutung verloren. Die Energie hat sich umverteilt. Es ist mir schlichtweg nicht mehr möglich, die beruflich geforderten Leistungen auf selbem Niveau zu erbringen. Zu viel Anstrengung benötigt dafür mein Leben mit Kind. Ich muss mich neu finden. Und dabei geht zwangsläufig etwas zu Ende. Heute bin ich mir noch nicht sicher, wie es beruflich weiter gehen kann. Klar wird mir nur mehr und mehr, dass die mir zur Verfügung stehende Energie zunächst einmal ins heimische Umfeld gehört und dass ich mich durch den Beruf mehr und mehr um Energie und Lebenslust beraubt fühle. Dass ich den Erwartungen, die dort an mich gestellt werden, nicht mehr entspreche. Dass ich ein Umfeld, in dem Kinder und Elternsein mit den damit einhergehenden natürlichen Veränderungen als Störfaktor gelten, nicht mehr ertragen kann. Und dass die Zeit der absoluten Fokussierung auf die Arbeit vorbei ist, vorbei sein muss. Das bedeutet ein Ende. Des Gewohnten. Aber sicher auch den Anfang etwas Neuem.

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